Seit 1986 bin ich Fußballfan. Seit 1986 schlägt mein Herz für Argentinien. Es fing natürlich mit Diego an, der damals im gleißend schönen WM-Licht aus Mexiko alles in Grund und Boden dribbelte, passte, ins Tor bugsierte. Als Zehnjähriger wusste ich nichts von den Falkland-Inseln. Aber ich sah den kleinen Mann im hellblau-weißen oder dunkelblauen Shirt gegen den englischen und westdeutschen Fussballimperialismus ankämpfen und seine Magie sprang auf den Jungen aus Dessau (sozialistische Industriestadt, Neubaublock, am Ende der Lessingstraße) über.
Nach dem Titel konnte ich in der DDR kaum noch Spiele der Elf sehen, wusste auch noch nichts von der irren Beziehung der Argentinier*innen zu ihrem Team. Aber mein Vater erwarb Bücher, die Europapokal-Spiele im westlichen Ausland nacherzählten. Bilder gab es wenige, ein paar schwarzweiße. Aber Zeichnungen der Protagonisten, Karikaturen – unter anderem von Diego, im Dress von Neapel. Ein Traum! So kam irgendwann auch der Sommer 1990, wieder mit Diego. Dazu Caniggia, Burruchaga und Keeper Goycochea. Wieder Finale. Aber so ungelenke Typen mit Vokuhila und schwierigen Farben auf dem Dress zerstörten die Hoffnungen jäh. Nie wieder Deutschland!
El D10S – immer am Abgrund
Das Leiden blieb. Diego ging nach 1994 irgendwann vom Platz, er wird dennoch immer meine Ikone bleiben. Nicht nur ob seiner Dribblings und Pässe, sondern vor allem auch für die Abgründe, aus denen er kam und die er zielsicher bis ans Lebensende suchte. Abseits des Fußballplatzes hat Diego eigentlich immer nur falsche Entscheidungen getroffen – abgesehen vom Wechsel ins bitterarme Neapel. El D10s, wie er in Südamerika und Süditalien mit sakraler Erfurcht und Sehnsucht auch genannt wird, ist permanent gescheitert, trotz allem derselbe geblieben. Dafür lieben ihn die Argentinier*innen. Und ich auch.
Seit es Internet gibt, kam ich an #VamosArgentina dann viel näher und häufiger ran. Sportzeitungen aus Buenos Aires sind auch im Translator übrigens sehr informativ. Nachts am Live-Stream Qualifikationsspiele sehen, leichteste Übung. Und natürlich atemlos durch alle folgenden WMs: 1998, Viertelfinalaus. 2002, nicht mal KO-Runde. 2006, 2010 und 2014: Immer wieder Deutschland. 2018, Chaos, am Ende ohne Trainer. Leiden.
Lionel. Dankbarkeit.
Mit Lionel Messi, dem so oft Gepriesenen, bin ich lange nicht warm geworden. Wenn er für Argentinien auflief, schien alles andere blockiert, verschwanden herausragende Spieler (Mascherano, Rodriguez, Riquelme, Crespo, Tevez) wie erzwungen, wie gelähmt in seinem Schatten. Das Spiel wurde immer mehr auf Lio ausgerichtet. Der Ausnahmefußballer musste zwangsläufig immer Wundersames vollbringen. Ein Wunderbarer reicht aber nicht aus, um Titel zu gewinnen. Auch nicht 2014.
Seit Lionel Scaloni an der Linie steht – im Übrigen gegen den Willen von Diego – ist alles anders. Argentinien wartet nicht mehr auf Messis Glanz und Gloria. Argentinien spielt mit ihm und er spielt endlich auch unbeschwert für Argentinien. Schon bei der Copa Amerika 2021war der Wandel im System, der Wandel auf dem Platz zu sehen. Dank Scaloni. Mit vielen neuen Namen im Kreis, mit großem Willen und Geschlossenheit. Kaum registriert in Europa, gelang damals der Titel im Endspiel gegen Brasilien.
Seither scheint auch das Land, scheinen die Argentinier*innen mit Lionel Messi und der Albiceleste im Reinen. Die Erwartungen sind immer groß, klar. Aber die Dankbarkeit ist um ein Vielfaches größer, egal wie es ausgehen mag. Für Messi, Martinez, Otamendi, Romero, Acuna, de Paul, Fernandez und natürlich Alvarez. Außergewöhnlich.
Morgen steht mein Team wieder im WM-Finale, 50.000 in Hellblau und Weiß. Ich bin schon jetzt ein Nervenbündel. Vamos Argentina! Holt den Pott!