Kein gemeinsamer Fanschal mit dem sympathischsten Verein der Liga? Kaum Glückwünsche nach dem ersten Titelgewinn? Seit 13 Jahren Ablehnung in fast jedem anderen Stadion der Welt? Was ist so falsch an RB Leipzig? Eine kritische Betrachtung des erfolgreichsten Fußballclubs in Leipzig.
Die Sehnsucht nach Anerkennung, nach Gleichbehandlung ist kaum zu überhören. Bei Verantwortlichen, bei Spielern, bei Fans, bei Kommentierenden und Berichtenden. Endlich für die sportlichen Erfolge auch Respekt ernten, endlich von Konkurrent*innen akzeptiert werden, endlich als Teil den Ganzen wahrgenommen werden. Darauf wartet RB Leipzig seit Gründung 2009. Die Hoffnung wird regelmäßig enttäuscht. Auch beim ersten Titelgewinn fühlte sich außerhalb der Blase kaum jemand bemüßigt, das Geleistete zu honorieren. Für die Ablehnung gibt es tatsächlich auch eine ganze Reihe sachlicher und nachvollziehbarer Gründe, die im RBL-Netzwerk in der Regel aber trivialisiert oder hämisch diffamiert werden.
Allen voran in der Kritik steht das Mäzenatentum, welches bei RB Leipzig als sinnstiftendes Kontrollorgan ohne jegliches Gegengewicht daherkommt. Der Fußballverein ist gar kein Fußballverein, auch wenn ein Scheingremium mit einem halben Dutzend Mitglieder aus der Geschäftsführung dies suggeriert. Fußballenthusiast*innen laufen in diesem Zusammenhang schon lange auch gegen die Pulverisierung grundlegender Regeln des Sports Sturm – gegen das Diktat in der Clubstruktur (50+1-Regel), gegen die Installation von Werbemitteln bis hinein in den werbefreien Raum (Name, Emblem). Auch die unrealistische Wirtschaftsstruktur von RB Leipzig, inklusive das Umgehen finanziellem Fairplays oder die Scheingeschäfte mit dem Tochterunternehmen in Salzburg gehören zur sachlichen Kritik. Letztlich ist das Ringen dagegen aufgrund der wenig sattelfesten Regularien im modernen Fußball aber so erfolglos wie resignierend. Mit Blick auf die weiter dynamische Kommerzialisierung des Sports wird die begründete Kritik an den RBL-Strukturen wohl irgendwann auch verhallen.

Das Grundübel wird überdauern
Überdauern wird dagegen das grundlegendste Problem von RB Leipzig. Was bleibt von diesem Club ohne „Hauptsponsor“ Red Bull? Semantisch gesehen steht da noch Leipzig. Stimmt. Aber das liest man auch hinter den Stadtwerken oder beim Allerlei – und ist deshalb kein echtes Alleinstellungsmerkmal. Wer schon ein Spiel der „Roten Bullen“ gesehen hat, weiß zumindest: Sie spielen schönen und erfolgreichen Fußball. Es ist leicht, von letzterem begeistert zu sein. Tore und Siege feiern macht Spaß, zusammen mit Freund*innen im Stadion die gleiche Leidenschaft teilen: für die Jungs auf dem Rasen, für den nächsten Titel. Das ist absolut nachvollziehbar. Aber teilen alle auch die Leidenschaft für das Produkt von Red Bull? Ist jenes ein Grund für die Euphorie? Zehntausende, die für den Verkauf eines Getränks einstehen?
Denn um dies geht es bei RB Leipzig. Und nur darum. Wer dies bestreitet, verschließt die Augen. Im Gegensatz zu praktisch allen anderen Sportvereinen ist hier ein Konsumprodukt der einzige Grund, warum es diesen Club überhaupt gibt. RB Leipzig wurde ins Leben gerufen, um die Marke Red Bull in der Champions League der Medienöffentlichkeit zu präsentieren – und nicht etwa um ostdeutschen Fußballfans Profisport zu gönnen. Natürlich gehören die jubelnden Massen nun auch zur Marketingstrategie aus Österreich dazu. Das ist aus Sicht von Firmen-Eigner Dietrich Mateschitz absolut legitim. Ja, es ist eine wirklich geniale Idee, weil es sein Produkt auf allen Ebenen sichtbar macht – auch dort, wo keine Werbung erlaubt ist. Durch die clevere Dauerbeschallung wachsen nicht zuletzt auch die Jüngsten schon mit der Red Bull Dose als persönliches Leitbild auf. Chapeau! Gleichzeit macht Matteschitz’ Idee den Club RB Leipzig aber eben auch zum Sonderling, der im emotionalen Konstrukt Fußball zurecht kategorisch abgelehnt werden kann. Vielleicht auch muss.
Viele haben Geld – aber niemand ist schamlos wie RB Leipzig
Zweifellos ist Geld im Profifußball Lebensader. Ohne geht es schon lange nicht mehr. Wer Titel möchte, muss inzwischen dreistellige Millionenbeiträge in der Hinterhand haben. So wie der Initiator von RB Leipzig, so wie auch die Investoren bei Manchester City, Paris St. Germain, Chelsea London und vielen anderen Vereinen. Unterstützer*innen des Leipziger Red-Bull-Konstrukts sehen ihren Club deshalb auch gern in dieser Riege. Geld regiert die Welt, so sei das nun mal. Die Zugriff auf Matteschitz’ Milliarden macht RB Leipzig aber noch lange nicht zum deutschen Äquivalent der Vereine, die heute ebenfalls durch Investoren gelenkt werden. Um auf die Frage von oben zurückzukommen: Was bleibt von Manchester City ohne das Geld gebende Emirat übrig? Immer noch Manchester City, nur eben ohne Milliarden. Was bleibt von Chelsea London ohne den Oligarchen übrig? Die Blues aus dem gleichnamigen Stadtteil, nur eben ohne dessen Milliarden. Was wäre RB Leipzig ohne Red Bull?
Man kann generell darüber verzweifeln, warum sehr reiche Menschen ihr Möglichkeiten lieber in Fußball statt gegen den Welthunger investieren. Es macht für den Sport zumindest noch einen Unterschied, wie sehr das Engagement den eigentlich Sinn des Investitionsobjekts verändert. In Manchester und Paris sitzen die Geldgeber heute in den Logen und bestimmen, was mit ihrem Investment passiert. Mitsprache der Fans gibt es auch dort nicht. Das Geschäft der Oligarchen, die Produkte der Scheichs und Milliardäre kennen aber die wenigsten. Sie sind nicht sinnstiftend, bestenfalls beim Trikotsponsor erkennbar. Der Fußball steht in Manchester, Paris und Co. tatsächlich noch immer im Vordergrund. Bei Red Bull Leipzig ist das komplett anders. Matteschitz’ Marketinginteresse ist hier das zentrale Elexir des Clubs, der Grund für alle Bemühungen.

Der Schmutz der Traditionalisten
Wer Kritik an RB Leipzig äußert, wird gern abfällig als Traditionalist bezeichnet. Als sei dies etwas Anrüchiges, etwas Schmutziges, etwas Zurückgebliebenes. Dabei wird Tradition als lose Anhäufung von historischen Ereignissen verstanden, die RB Leipzig ja nur aufgrund der kurzen Club-Geschichte noch nicht vorweisen könne. Tradition steht aus meiner Sicht allerdings vor allem auch für ein gemeinsames Verständnis: für eine Kultur, für Ähnlichkeiten, für Rivalitäten, für eine regionale Verhaftung in Quartieren, auch für das Pflegen religiöser Unterschieden und Identitäten. Meist ist dieses für Fans sinnstiftende Verständnis direkt im Vereinsnamen zu finden, im Emblem, auf dem Trikot, in den Farben, auf dem Schweißband, auf den Stutzen. Manche suchen ein Maskottchen, das zur Identität passt. Auch der Spitzname der Mannschaft kann schon mal darauf hindeuten. Bei RB Leipzig ist auf all den genannten Ebenen unschwer zu erkennen: Die Identität heißt hier ausschließlich Red Bull.
Im Laufe der Jahre ist dieses komplette Fehlen aller Metaebenen des Sports bei RB Leipzig auch in der Anhängerschaft kritisch reflektiert worden. Die Verantwortlichen haben offene Debatten aber immer restriktiv unterbunden. Ganz geheuer scheint die „Monokultur Dose“ RB Leipzig inzwischen selbst nicht mehr zu sein. Heute interpretiert sich der Club zunehmend als sportlicher Repräsentant der Stadt Leipzig. So erklärte Geschäftsführer Oliver Mintzlaff kürzlich vollmundig: „Ganz Leipzig“ habe den DFB-Pokalsieg seines Clubs gefeiert – wohl wissend, dass es auch in der Messestadt weiter erhebliche Ablehnung gibt. Ein cleveres Framing der Marketingexperten eben, aber kein Abbild der Realität.
In dieser geht es auch 13 Jahre nach Gründung des Clubs weiter ausschließlich um Red Bull. Der Fußballclub RB Leipzig hat abgesehen davon keine Identität. Es wäre an der Zeit, dies zumindest mal etwas realistischer zu betrachten, anstatt sich immer nur als Opfer dunkler Mächte zu wähnen, wenn der Rest der Fußballwelt Ablehnung signalisiert. Man kann sich trotz allem ja an den sportlichen Erfolgen, am schönen Spiel der Mannschaften, an den Fähigkeiten der Spielerinnen und Spieler erfreuen. Respekt von Konkurrenten und anderen Vereinen einzufordern, auf Anerkennung für Geleistetes, auf eine Gleichbehandlung in der Gruppe zu pochen, ist allerdings aussichtslos. Die wird es nie geben, solange RB Leipzig kein Fußballclub wie alle anderen ist. Sondern nur eine erfolgreiche Vermarktungsstrategie.
Starker, wichtiger Text.
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