Meine Mutter heißt Liane. Sie hat sechs Wochen lang mit Covid-19 gerungen, lag isoliert und beatmet auf der Intensivstation eines Leipziger Krankenhauses. Die Ärzte hatten nie viel Hoffnung, die Prognosen für eine 78-jährige Frau mit ihren Vorerkrankungen waren einfach zu schlecht. Dennoch hat sie das heimtückische Virus überlebt. Anfang März, kurz nach ihrem Geburtstag, konnte ihre Isolation in der Klinik endlich aufgehoben werden. Die Geschichte hat trotzdem kein Happy End: Denn einen Monat später starb sie. Das Virus war zwar besiegt, ihr Körper aber zu schwer geschädigt.
Die Folgen einer Corona-Infektion sind bisher kaum erforscht. Wissenschaftler sprechen vom Phänomen Long Covid (Covid-Langzeitfolgen), wenn sie von jungen Menschen berichten, die nach Genesung beim Treppensteigen langfristig Probleme haben oder sich nur schwer konzentrieren können. Bei meiner Mutter war Sars-Cov-2 tief in die Lunge eingedrungen, zerstörte darin viele der feinen Verbindungen und Verästelungen, sagen die Ärzte. Zudem hatte die Infektion erheblich Auswirkungen auf ihren mentalen Zustand: Als wir nach den sechs Wochen Corona-Isolation endlich wieder zu ihr ins Krankenhaus durften, war sie in einem Wachkoma gefangen, unfähig zu sprechen oder auf andere Art zu kommunizieren. Auch wenn mein Vater an ihrem Bett weinte, mit dem sie fast 60 Jahre verheiratet war, konnte sie keine Reaktionen mehr zeigen.
Aufgeben zählt nicht
Liane war immer ein sehr starker Mensch, hat vor Corona schwere Krankheiten und Entbehrungen überstanden. Geboren während des Zweiten Weltkriegs vor den Toren des ostpreußischen Königsberg, überlebte sie trotz angeborenem Herzfehler als kleines Mädchen die chaotische Flucht zu Fuß bis nach Mecklenburg. Dort trennten sich die Wege, der größte Teil der Familie Wunderlich wanderte nach Westdeutschland weiter.
Meine Großmutter und meine Mutter blieben im Flüchtlingslager in Wismar. Warum? Das konnte sie später nicht beantworten. Sie erzählte aber von den Entbehrungen als Flüchtling in der Zeit nach Kriegsende in der DDR: Nie genug zu Essen, immer ein Dorn im Auge der Alteingesessen, von vielen als Fremde angefeindet. Das hat sie geprägt. Im Keller, in dem sie nach Verlassen des Flüchtlingscamps lebten, erkrankte sie an Poliomyelitis – eine Virusinfektion, die heute Dank Impfungen praktisch ausgerottet ist. Für diese auch spinale Kinderlähmung genannte Krankheit waren einstmals die ersten künstlichen Beatmungsgeräte erfunden worden. Meine Mutter trotzte der akuten Infektion, überwand später im Leben auch eine Krebserkrankung.
Respekt vor Corona
Am 25. Dezember 2020 war ich das letzte Mal mit ihr spazieren – unweit der Wohnung meiner Eltern im Stadtteil Grünau. Sie nahm die Corona-Pandemie sehr ernst, wir feierten Weihnachten per Videokonferenz, auch Geburtstagstreffen fanden an der frischen Luft und mit Maskenschutz statt. Sie liebte schwarzen Kaffee – auch wenn er in diesen Tagen provisorisch im Park gereicht wurde. Zum Abschied sagte ich damals: Bis bald, Mama. Es waren die letzten Worte, die ich ihr sagen konnte.
Am 30. Dezember 2020 wurde meine Mutter mit Bauchschmerzen in eine Klinik gebracht. Die anfänglich vermuteten Gallensteine stellten sich als schwerer Darminfarkt heraus. Teile der Verdauungstraktes mussten entfernt werden – die Lage war kritisch. Aber auch diese Situation überstand sie und erholte sich bald auf der Normalstation. Liane machte Pläne mit meinem Vater: Erst in die Reha, dann auf die neue Sonnenliege ihres Balkons – alles wird wieder gut.
Infektion im Krankenhaus
Es kam leider etwas dazwischen. Mitte Januar meldete sie sich per Telefon aus dem Krankenhauszimmer: Ihre neue Bettnachbarin sei nun doch positiv auf das Virus getestet worden, sagte sie meinen Vater. Sie wurde unter Quarantäne gestellt, wenige Stunden später musste sie künstlich beatmet werden, dann kam ein Luftröhrenschnitt, ein Schlauch in den Hals, der das Sprechen unmöglich macht.
Bei ihr sein, sie unterstützen beim Kampf gegen das hinterlistige Virus – das konnten wir nicht. Es bestehe kaum Hoffnung, signalisierten die Ärzte immer wieder. Sie werde zeitnah sterben. Wie man als Angehöriger damit umgehen soll, wenn die Prognose „zeitnah“ nicht eintritt, der attackierte Körper stattdessen über mehrere Monate nicht aufgeben will – dafür gab es kein Rezept. Die Kommunikation mit den Medizinern wurde mit jeder Woche einsilbiger, unsere verbliebenen Hoffnungen oft nur noch mit Kopfschütteln quittiert. Letztlich sollten die Ärzte Recht behalten.
Als Journalist nachvollziehen, aber als Angehöriger nicht verwehren kann ich, dass meine Mutter in der Klinik nun offensichtlich immer mehr zur Belastung wurde. Aus den Worten der Ärzte „sie ist austherapiert“ und „da tut sich ja doch nichts mehr“, wurde irgendwann der Satz: „Die Liegezeit ist überschritten.“ Später korrigierte der Chefarzt, das sei nicht so gemeint gewesen. Letztlich bleibt aber ein bitterer Beigeschmack und die Gewissheit, dass Krankenhäuser auch in einer Pandemie weiter Wirtschaftsunternehmen sind.
Der letzte Weg
Am 1. April wurde meine immer noch im Wachkoma gefangene und mit Luftröhrenschnitt beeinträchtigte Mutter in eine private Intensivpflegeeinrichtungen überstellt. Ich bin letztlich froh über diesen Schritt, denn Dank der Mühen dort kehrte für sie auf den letzten Metern ihres Lebens etwas Würde zurück und wir konnten noch etwas mehr bei ihr sein.
Nicht verhindern konnten die Pflegerinnen und Pfleger aber, dass sich der Gesundheitszustand eine Woche nach Einzug nun rapide verschlechterte. Es war der 80. Geburtstag meines Vaters, als die zuständige Ärztin am Telefon von einer Blutvergiftung sprach. Das Immunsystem meiner Mutter war nun einfach nicht mehr in der Lage, Keime abzuwehren. Sie kämpfte trotzdem weiter, vielleicht war da auch noch ein kurzer Moment, in dem sie die Hand meines Vaters drückte.
Am Morgen des 13. April hörte sie auf zu atmen. Corona hatte letztlich doch gewonnen.
Ein Kommentar zu „Meine Mutter“